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Als Babelsberg auch in Stellingen war

Dies ist der Text eines Podcasts. Er behandelt die fast vergessene Geschichte, dass in Stellingen (heute ein Stadtteil von Hamburg) ebenfalls ein Filmstudio geplant war.

„Achtung! Wilde Tiere! Lebensgefährlich! Carl Hagenbeck steht mit sehr leserlichen Buchstaben an der Tür, die den Weg zur werdenden Filmstadt der Decla in Hamburg-Stellingen abschließt. Schier endlose, grünsaftige Weiden mit waldigem Hintergrund bilden das gewaltige Terrain, das die Decla für ihre Filmstadt bestimmt hat und das fraglos stärkste filmtechnische Möglichkeiten bietet. Es ist unmöglich, in einem Tage alles zu beschauen, was hier seiner Vollendung entgegenreift. Schon beim flüchtigen Anblick wirkt es teilweise überwältigend, und ich freue mich auf die Hamburg-Stellinger Filmzukunft.“
Stellingen, 1919
Der in einem kleinen Ort bei Hamburg gelegene Tierpark Hagenbeck verwandelte sich im Jahr 1 nach dem großen Krieg in ein Freilichtstudio für exotische Filme.
Während in Berlin bereits die Innenaufnahmen zum 1. Teil der Abenteuerserie „Die Spinnen“ gedreht wurde, war der Drehort für die Außenaufnahmen noch nicht bekannt.
Die Bereitstellung nahm einige Zeit in Anspruch bis die Produktionsfirma Decla in Stellingen ein Gelände neben dem Tierpark Hagenbeck anmietete.
„Die Decla-Filmgesellschaft hat mit der Firma Hagenbeck in Hamburg eine mehrjährige Vereinbarung getroffen, wonach der bekannte Hagenbecksche Tierpark in Stellingen dem Film dienstbar gemacht werden wird. Nach diesem Vertrage werden die gesamten Bestände und Motive des Tierparks der Decla zur Verfügung stehen.“
Damit allein war es nicht getan: Um die Kulissen des Films möglichst detailgetreu darzustellen, wurde ein Exklusiv-Vertrag mit Heinrich Umlauff, dem Direktor des Ethnologischen Museums in Hamburg, geschlossen.
„Herr Umlauff stellt sein ganzes Museum sowie auch seine eigenen reichen Erfahrungen auf dem Gebiete der Völkerkunde, schließlich auch seine reichhaltigen exotischen Sammlungen ausschließlich der Decla-Film-Gesellschaft zur Verfügung. Diese Vereinbarung wird erstmalig den Filmen der Decla-Abenteurer-Klasse zugute kommen, zu denen die Aufnahmen unter der Regie von Fritz Lang bereits im Gange sind.“
Nicht nur der 1. Teil „Die Spinnen. Der goldene See“ wurde in den exotischen Kulissen gedreht, sondern auch der zweite Teil „Das Brilliantenschiff“ sowie „Harakiri“.
Doch es sollten mehr als diese drei Filme in Stellingen produziert werden. Der Leiter der Decla, Erich Pommer, hatte den Plan, dort richtige Filmateliers zu bauen und neue Büros einzurichten. So suchte die Decla im Mai 1919 in einer ganzseitigen Anzeige in der Lichtbild-Bühne ab dem 01. Juli dreizehn Angestellte für „unsere neu zu eröffnende Filiale drei Stenotypisten, zwei Buchhalter oder Buchhalterinnen, drei Laufburschen.“
Im Oktober wurde über die Expansion der Produktionsfirma im Norden des Tierparks berichtet: „Eine Tochtergesellschaft der Decla wird auf einem 60 000 qm großen Gelände neben dem Tierpark ein modernes Atelier mit allen technischen Neuerungen sowie auch eine große Filmstadt erstehen lassen“.
Konnten bis zum Film „Der goldene See“ deutsche Abenteuerfilme nicht überzeugen, wurde dieser Film ein voller Erfolg, den er vor allem der Landschaft verdankte.
„Erst als die Decla sich die formenreiche, durch die Anlage für solche Zwecke geradezu ideale Landschaft des Hagenbeck’schen Tierparks in Stellingen sicherte, war mit einem Schlage die letzte Schwierigkeit behoben. Wenn man die Bilder des Abenteuerfilms „Der goldene See“ vor sich abrollen sieht, dann wird der Eindruck der exotischen Gegend so restlos erweckt, wie man es innerhalb der Grenzen Deutschlands kaum für möglich gehalten hätte.“
Trotz des Erfolgs und großer Pläne kam es nicht zu einer Decla-Filmstadt in Stellingen. Denn Ende 1919, Anfang 1920 verhandelte die Decla mit der Bioscop AG über eine Fusion. Als beide Produktionsfirmen zur Decla-Bioscop fusionierten, nutzen sie die Bioscop-Ateliers in Neubabelsberg.
Damit war das Thema Filmstadt Stellingen endgültig beendet und Babelsberg wurde zu dem, was es heute noch für einige Filmproduktionen ist: Ein großes Filmatelier.
Die Decla hatte für seine drei Filme nicht nur die weite Landschaft genutzt, sondern auch die Felskonstruktionen des Tierparks, die harmonisch in die Kulissen eingepaßt worden waren. Ein Großteil der Konstruktionen steht heute nicht mehr, da sie abgerissen wurden, wie der alte Pavianfelsen oder das Eismeerpanorama. Doch wer jetzt durch die roten Tore am Japan-Teich schreitet und die große Buddha-Figur betrachtet, wandelt auf den Spuren Fritz Langs, dem Regisseur der drei Filme „Die Spinnen. Der goldene See“, „Das Brilliantenschiff“ und „Harakiri“.
„Freundlich grüßt ein japanisches Städtchen. Es hat den ganzen Winter überstanden und sieht so frisch aus, als sei es just hierher geflogen. Gar nicht trennen mag man sich von dieser Herzlichkeit.“

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